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KNDM

Mensch Konnie – Als ich für “Clap” Konstantin Neven Dumont getroffen habe

Frühjahr 2011. Nach fragwürdigen Debatten und einem offenen Showdown war in der Medienbranche das Interesse an Verleger-Sohn Konstantin Neven Dumont groß. Was wird er als nächstes tun? Bekannt war, dass er für viel Geld eine Videoausrüstung gekauft hat, um damit weltverbesserndes TV im Netz zu machen. Nicht bekannt war, wie das eigentlich genau aussehen soll. Für das Magazin “Clap” bin ich nach Bergisch Gladbach gefahren und habe nachgeschaut und nachgefragt. Und was gab es wohl zu trinken? Genau: Das gefilterte Brunnenwasser, das es schon bis in den “Spiegel” geschafft hat.

Nicht leicht, den Jung-Unternehmer Konstantin Neven DuMont zu finden. In seinem Arbeitshaus in Bergisch Gladbach verbirgt er sich irgendwo zwischen unnahbarer Grundsätzlichkeit, rastlosem Weltverbessern und auch ein bisschen Trotz. Was ist davon zu halten?

Wer zu Konstantin Neven DuMont will, landet in einer Sackgasse – irgendwo vor Bergisch Gladbach in einer Villa mit zwei Hektar Land drumherum. Hier arbeitet und musiziert der Verlagserbe. Hier hält er Hof und ein bisschen wohnt er auch hier. In der Tür begrüßt ein angegrauter Surfer-Typ mit langen Haaren die Gäste. Von dort geht es direkt in die Wohnhalle. Ein gewaltiger heller Raum. Ein paar Skulpturen, zwei Tische, erdfarbene Ledermöbel, unpersönliches Entspannungs-Interieur. Aus allen Richtungen strömt Licht auf den warmen Holzfußboden. Konstantin Neven DuMont kommt quer durch den Raum auf die Besucher zu.

Der viel zu weite Anzug lässt ihn noch hagerer wirken, als er ohnehin schon ist. Er freut sich über den Besuch, gibt sich erstaunt über das rege Interesse an seiner im Mai vollzogenen Gründung der KNDM Konstantin Neven DuMont Medien GmbH. Wie im vergangenen Herbst angekündigt, will er mit ihr Menschen zum Nachdenken über die Zustände in der Welt bringen und engagierten Journalismus im Netz profitabel machen.

Von KNDM wird es bald ein Blog mit Texten verschiedener Autoren und vor allem auch Videos geben. Die Rolle des Moderators hat Neven DuMont mit sich selbst besetzt. Er will mit seinen Inhalten Missstände in Politik und Medien aufzeigen und Lösungsvorschläge geben, will Informationen vermitteln, die den Menschen als Entscheidungsgrundlage dienen sollen. Das Ziel: Ein ethisch wertvolles Leben, eine bessere Gesellschaft. Bei Twitter und Facebook postet er bereits seit Wochen Links zu Artikeln, die verschiedenste Probleme beleuchten – von Schuldenkrise bis Bienensterben. „Was ist davon zu halten?“ fragt er dann in die Runde.

Sein Anwesen mit einer Hand voll Leuten, die durch das 500 Quadratmeter große Haus wuseln, wirkt wie eine Kommune, ein geistiges Zentrum für irgendwas mit guter Sache. Wie eine gutgemeinte, aber noch unbestimmte Hülle. Im Garten sorgt eine Fotovoltaik-Anlage für grüne Energie. Das Haus selbst wurde vor einigen Jahren von einem ayurvedischen Architekten gebaut. „Mit Esoterik hat das nichts zu tun“, betont der Hausherr. Die Holz-Jalousien sind schon hinüber.

Oben Privaträume, im Keller sind Schnitt, Ton, eine gewaltige Tageslichtlampe und der Musikraum untergebracht. In dem probt Neven DuMont regelmäßig mit seiner Weltmusik-Combo und singt in verschiedenen Sprachen. Plattenaufnahmen sind in Planung. „Aber wenn man so viele Baustellen hat, kann man nicht alles gleichzeitig machen“, sagt er. Langfristig will er auch Spielfilme herstellen und als Paid Content verkaufen. Die erste Geschichte hat er sich schon ausgedacht.

Er erzählt, wie er schon während seines Studiums Filme gemacht hat, wie gern er auf der Bühne steht. Schöne Erinnerungen offenbar. Der Blick kehrt sich nach innen, er lächelt in sich hinein. Es ist einer der wenigen Momente, in denen hinter den gesenkten Augen warme Gefühle sichtbar werden. Vielleicht ist das Gute auch ein bisschen Vehikel für das Angenehme. Neven DuMont weiß, wie privilegiert sein Leben ist. Er sagt, er wolle auch zurückgeben.

Offenbar weiß er auch, was die Besucher von ihm hören wollen. „Das berühmte gefilterte Brunnenwasser“ wird gereicht. Er serviert es mit einem Lachen, denn es taucht mittlerweile in fast jeder Geschichte über ihn auf. Ein Hauch von Kalkül und maskenhafter Selbstironie schwingen mit. Es ist schwer, ihn zu greifen. Wonach man auch fragt, stets gleitet er ins Grundsätzliche oder Unbestimmte. Wie viel Zeit er habe an diesem Tag? „Es geht so”.

Kanne und Gläser auf dem weißen Porzellantablett könnten sein Markenzeichen werden. Samt unterlegtem Küchenkrepp. Bedächtig und ein wenig ungelenk balanciert er die Erfrischung auf den Tisch, gibt sich routiniert gespannt, ob es denn schmecken wird. Vielleicht will er nur mit den Erwartungen der Gäste spielen, ihnen ein bisschen Schrulligkeit zum Schreiben hinwerfen. Dem Kollegen vom „Spiegel“ habe es geschmeckt, auch wenn der Artikel dann „leider etwas hämisch“ gewesen sei. „Das ist halt der ‘Spiegel’“, relativiert er schnell.

Im vergangenen Herbst wurde viel Häme über ihm ausgekübelt. Das stört ihn nur zum Teil. „Mich ärgert es immer dann, wenn richtig Unwahrheiten verbreitet werden“, sagt er. So ungelenk, wie er sich manchmal bewegt, so spricht er auch. Er erklärt die Dinge so, als hätten sie nichts mit ihm zu tun. „Das gehört auch zu unserer Branche, dass da mit harten Bandagen gekämpft wird“, rationalisiert er die wenig zimperlichen Berichte. „Wenn es nicht grad unter die Gürtellinie geht, lasse ich das nicht an mich ran“, behauptet er.

Fast scheint es so, als gebe es kaum einen privaten Konstantin Neven DuMont. Immer wieder spricht er von seinem „Umfeld“. Hakt man nach, spezifiziert er ähnlich unbestimmt, dass es sich um Freunde und Familie handele. Über seine vier Kinder ist ihm lediglich zu entlocken, dass er sie aus der Öffentlichkeit raushalten will. Nachfragen zu seinem Vater – egal aus welcher Richtung – landen stets im Funktionsgefüge Firma. So tapsig der Medienunternehmer in der Öffentlichkeit auch wirken mag: Innerhalb seiner eigenen Logik weiß er offenbar genau was er tut.

Ihm fehle die nötige Härte, ist hier und da zu hören. Vielleicht sind seine Form des Protestes passiver Widerstand und Trotz. Deutlichen Widerspruch hört man von ihm kaum. Persönliche Fragen nimmt er gern als Ansatz, um das große Ganze zu erläutern. „Mich stört es eigentlich schon“, sagt er über sein Image als Sonderling der Branche. Kaum lässt diese Offenheit aufhorchen, hebt er auch schon wieder ab ins Grundsätzliche: „Deutschland ist ja nun mal zweigeteilt –  es gibt die Kritischen und die Zufriedenen“.

Die Berichte, in denen der familiäre Firmen-Konflikt teilweise zum Amüsement der Branche aufbereitet wurde, sie scheinen ihn mehr getroffen zu haben, als er zugeben mag. Undifferenzierte Berichterstattung, wie er sie in „SZ“ und „taz“ erlebt hat, lehnt er jedenfalls ab. „Man kann ja einen Menschen nicht nur schlechtschreiben, und was der vielleicht positiv macht, wird überhaupt nicht gebracht“. Da müsse man sich schon nach der Motivation der Journalisten fragen.

Immer wieder kommen lässig gekleidete Menschen am Tisch vorbei. Sie sind in der zweiten Lebenshälfte und stellen sich mit Vornamen vor. Sie bringen die Post, den Hund oder kümmern sich darum, dass es mit dem Blog bald losgehen kann. Es soll der erste Baustein sein in einem großen Geflecht aus Projekten und Produkten. Neven DuMont will die Welt verändern. Mehrfach erzählt er, dass er heute rasch nochmal 10.000 Euro gespendet habe – für die hungernden Kinder in Afrika. Es ist wohl als beiläufige Information zu verstehen, die zeigen soll, dass man eigentlich überall sein müsste.

Das Engagement für die gute Sache ging schon während der Pubertät los, als er Schüler der Odenwaldschule war. „Ich weiß nicht, in wie weit die mich auch beeinflusst haben mit ihrer Ideologie. Aber in dem Alter haben wir schon sehr viel kritisch gesehen”, erinnert er sich. „Mein Plan war, mich in der Hierarchie hochzuarbeiten“. Er sagt es, als habe er eine Wahl gehabt. „Ich dachte, wenn ich dann irgendwann mal die Macht habe, dann kann ich toll gestalten und Dinge verändern“. Wenn man ein großes Unternehmen führt, gebe es irgendwann auch Leute, die einen in bestimmten Punkten bremsen, weiß er heute.

Was er jetzt macht, das komme anders als in den Jahren zuvor stärker von ihm selbst. „Das, was ich vorher vertreten habe, das war ja ein Sammelsurium von Aktivitäten, wo ich die einen sehr gut fand, andere weniger gut“, erklärt er den Job im Verlagsvorstand. Jetzt brennt er für das, was er plant. Befreit von den Zwängen im väterlichen Verlag hat er etwas anderes Großes im Blick.

Doch die Inhalte seines neuen Blogs werden anfangs noch überschaubar sein. Lohas-Produkte sollen auf den Prüfstand kommen. Die Hersteller können im Umfeld Werbung schalten – redaktionell unabhängig versteht sich. Er selbst will in seinen Sendungen Kommentare und Einschätzungen zur Lage der Welt geben. In seinen bisherigen Vorträgen ging es je nach Wohlwollen um das große Ganze oder um die Binsen des Gutmenschentums. „Die Politik kann nur so gut sein, wie die Kritik von außen“, erläutert er sein publizistisches Ansinnen.

Die Technik dafür hat ihn 200.000 Euro gekostet. Das Projekt finanziert er zunächst mit seinen Ersparnissen. Seine neuen Mitarbeiter kennt er erst seit wenigen Wochen und bezahlt sie nach deren persönlichem Bedarf. Sie sollen von ihrer Arbeit leben können. Auch hinter dem Blog steht eine ungelöste Grundsatzfrage: „Wie lassen sich Journalisten in den digitalen Medien unabhängig vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzieren?“ Es klingt wie das große Abenteuer, in dem er die alte Verlagswelt in ein neues Paradigma überführen will. Bis es soweit ist, gibt es für alle eine warme Mahlzeit. In der Küche herrscht Hochbetrieb.

In den kommenden Tagen steht der Aufbau der Greenbox an, vor der er moderieren wird. Er erklärt das zu Grunde liegende Prinzip. Manchmal fehlt das Gespür für die Relevanz einzelner Aspekte. Er ist die Idee, das Gesicht, das Geld hinter dem Projekt. Um die Einzelheiten kümmern sich andere und unterbrechen, wenn er sich im Redefluss im falschen Detail verliert.

Konstantin Neven DuMont wirkt getrieben. Ein Unternehmer, der endlich unternehmen will. Aber auch ein Mann, der noch Termine hat. An diesem Tag erwartet er noch seinen Vater. Beruflich. Man will über das künftige Verhältnis zum Verlag sprechen.  Der Junior hält sich an die im Herbst getroffene Vereinbarung: Bis zu seinem offiziellen Ausscheiden Ende Juni keine öffentlichen Äußerungen mehr über den väterlichen Verlag. Doch es fällt ihm sichtlich schwer. „Man ist so hin und her gerissen“, windet er sich. „Ich möchte auf keinen Fall als Streithansel angesehen werden. Auf der anderen Seite will man sich auch nicht alles gefallen lassen“. Sein „Umfeld“ rate ihm, den Streit zu vergesse und sich auf das Neue zu konzentrieren. „Ich hab’ natürlich immer noch das Gefühl, ich muss dann noch so ein bisschen…“ Er bricht den Satz mit einem Lachen ab.

Auch wenn ihn die Ereignisse im Herbst offenbar verletzt haben, siegt nun die Vernunft. Zwar sei der Kontakt zur Familie nicht mehr so intensiv wie früher – allein schon wegen der neuen Firma –, doch ein „nettes Verhältnis“ sei ihm wichtig. Der Vater sei ja auch schon 84 und man könne nicht wissen, wie viel Zeit ihm noch bleibe. Nach dem Treffen lässt er wissen: „Mittlerweile verstehe ich mich mit meinem Vater wieder richtig gut. Wir haben uns ausgesprochen und er möchte mein Projekt unterstützen“. Was ist davon zu halten?

 Nachtrag: Das Webportal hieß dann schließlich übrigens “Evidero” – und das wurde später draus: “Neven Dumont hat keine Lust mehr auf Evidero” bei DWDL.de