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TV goes online – Teil 1: Fernsehen und Internet werden Freunde

Wer hätte nach den ersten schwerfälligen Jahren gedacht, dass Fernsehen und Internet doch noch Freunde werden können? Nachdem das Gros der Fernsehmacher mit den Inhalten und neuen Wirkweisen im Netz anfangs nicht viel mehr anzufangen wusste, als Twitter-Einträge vorlesen zu lassen oder komische Filmchen aus Videonetzwerken zu Fernsehsendungen aufzupusten, scheint sich die Branche nun nach und nach für die neuen Möglichkeiten zu erwärmen, die das Netz mit seinen neuen Kommunikationsformen in Unterhaltung, Information und Fiktion bietet. Schlagworte wie Transmedia und Social TV geistern durch die Branche und erwecken den Eindruck, Fernsehen und Netz müssten neu erfunden werden. Dabei geht es eigentlich nur darum, die Schnittstellen auf inhaltlicher und produktioneller Ebene sichtbar zu machen und mediengerecht zu bespielen.

Während sich das klassische Fernsehgeschäft in jahrzehntelang eingeübten Strukturen und Routinen bewegt – von der Teamzusammensetzung über Herstellungswege bis zu den Abnahme- und Entscheidungsprozessen – ist die Verknüpfung des Programms mit dem Netz für viele Produzenten, Redakteure und Entscheider noch Neuland im merkelschen Sinne. Vor allem auf drei Ebenen gilt es, sich gedanklich auf eine neue Zeit einzulassen, will man Netz und Fernsehen so zusammenbringen, dass Inhalte und Storytelling funktionieren und somit der Grundstein gelegt ist, damit das Publikum zumindest ansatzweise die Möglichkeit hat, sich auch dafür zu begeistern.

Da wäre zunächst die Technik, das Funktionale. Das sollte man schon verstehen. Man sollte wissen, wie ein soziales Netzwerk funktioniert und was sich damit alles anstellen lässt. Worin liegt eigentlich der Unterschied zwischen Twitter und Facebook? Was ist ein Hashtag und warum sind sämtliche Fotos inzwischen quadratisch und mit fragwürdigen Filtern belegt.

Hat man das Prinzip der sozialen Medien, in dem es nicht um bloße Kommunikation sondern um Beziehungsmanagement geht, erst einmal durchdrungen, dann liegt die Kunst darin, all das schnell wieder ins Unbewusste zu verschieben, um nicht der Versuchung zu erliegen, sich von den möglichen Formen den Inhalt diktieren zu lassen. Sonst heißt es am Ende einfach nur "Wir brauchen da noch irgendwas für's Internet. Am besten was mit Facebook" – und heraus kommen Kopfgeburten jenseits aller Interessen. Jeder weiß es und trotzdem kann man es nicht laut genug sagen: Technik und Anwendungen sind kein Selbstzweck.

Um das Internet als Kommunikationskanal in eine Sendung mit einzubeziehen, muss es als Technologie nicht reflektiert werden. Klingt einfach, ist aber noch nicht überall angekommen. Allzu oft will man das Netz über Netzthemen mit einbeziehen. Doch damit sich eine Sendung viral verbreitet, Diskussionen anregen und die Menschen vielleicht sogar ermuntern kann, sich über den praktischen Rückkanal im Hypertext zu beteiligen, muss man sich redaktionell nicht zwingend auf das Übertragungsmedium beziehen. Die Talkshow "Roche und Böhmermann", die bis zu ihrem jähen Ende als das Musterbeispiel für zeitgemäßes Fernsehen galt, war im Netz so etwas wie ein Hit. Sie war es, weil sie den Nerv des netzaffinen Publikums traf und Begleitkanäle wie Mediathek, Twitter und Co. wie selbstverständlich mit bespielte. Inhaltlich fand das Netz wenn, dann nur am Rande statt.

"Es macht ja auch keiner Sendungen über Fernsehkameras!", sagte mir Roche und Böhmermann-Produzent Matthias Schulz mal. Sein Kollege Philipp Käßbohrer ergänzte: "Es hat bei uns funktioniert, weil wir die gleiche Sprache sprechen. Es geht einfach nur um guten Content. Bei jungen Leuten funktioniert doch nicht nur ‚IT-Crowd’, sondern auch ‚Mad Men’ – und das hat nun wirklich nichts mit Internet zu tun". Für Sendungen mit lustigen YouTube-Videos hingegen gebe es keinen Bedarf. "Die gibt es ja schon bei YouTube", so Käßbohrer.

Teil 2: Inhalte für soziale Medien

Dieser Text ist 2013 erschienen im Band: „Einfach Fernsehen? Zur Zukunft des Bewegbildes“, Gräßer/Riffi (Hrsg.), Marl 2013 (lesenswert! – Hier zu bekommen.)

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